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HU 1998 DE 1999 DE 2001 US 2004
Tranzit Glória Irren ist göttlich Irren ist göttlich To err is divine



Ágota Bozai: Tranzit Glória (Irren ist göttlich)

Roman, 310 S. (Ungarn, 1998)
Exposé


Der Roman spielt im Ungarn der Gegenwart. Die Stadt wird nicht namentlich genannt. Das Geschehen wäre jedoch auch in anderen (westlichen) Ländern denkbar.
Anna Kuncz ist verwitwet und Lehrerin am Gymnasium einer Kleinstadt am Plattensee. Sie steht kurz vor ihrer Pensionierung. Ihr Lehrerinnengehalt hatte sie noch vor der Wende dadurch aufbessern können, daß sie in den Sommermonaten in ihre Garage umzuziehen pflegte, um ihre Wohnung an deutsche Familien aus Ost und West zu vermieten, da diese sich auf deutschem Boden nicht treffen konnten. Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten versiegte jedoch diese Geldquelle, und die Zahl der Touristen am Plattensee nahm rasch ab. Obwohl sie im Sommer in einem Restaurant durch Geschirrspülen und Kuchenbacken etwas dazu- verdienen konnte, wäre sie in der Rente von Armut bedroht.
Ihr Mann fiel in der 56-er Revolution. Sie lebt allein. Ihre Abende verbringt sie zu Hause meistens lesend. Ihr einziger Sohn lebt in Amerika und kommt nur selten zu Besuch nach Ungarn.

Eines Abends nach dem Baden bemerkt Anna eine seltsame, mit Händen greifbare Lichterscheinung um ihren Kopf. Ein Heiligenschein, so wie dieser auf Kirchengemälden zu sehen ist! Sie begreift nicht, was vor sich geht. Die Sache ist schon deshalb merkwürdig, weil die Lehrerin Atheistin ist. Sie ging nie in die Kirche, und die Bibel kennt sie nur als literarisches Werk, wie es der Lehrstoff von ihr verlangte. Als sie studierte und danach ihre Laufbahn in der sozialistischen Ära begann, konnte man sich noch karrierefördernde Pluspunkte dadurch verbuchen, daß Theologen mit Fragen wie „Hatte die Jungfrau Maria nach der unbefleckten Empfängnis noch ihre Tage?“ in Verlegenheit brachte.
Weil der Heiligenschein sie nicht nur beim Schlafen stört, sondern ihr auch seelische Probleme verursacht, versucht sie ihn zunächst mit allen Mitteln loszuwerden.
Sie denkt, wenn die Menschen ihrer Umgebung sie sehen, werden sie zunächst als eine „atheistische Heilige“ auslachen, ihr später mit Neid und Haß begegnen. Anna nimmt es erst nach einer Weile wahr, daß ihr Heiligenschein nur von denen bemerkt werden kann, die in den vergangenen sechs Monaten keine der unzähligen verzeihlichen Sünden begangen haben, von den Todsünden ganz zu schweigen. Dadurch beschränkt sich in der gegebenen Kleinstadt die Zahl derer, die ihre Gloriole sehen können, praktisch auf die noch sprachunfähigen Säuglinge und unschuldige Tiere.

Die Existenz ihres Heiligenscheins hält die Lehrerin aus Vernunftsgründen geheim, auch als sich herausstellt, daß sie damit Wunder wirken kann. Kranke die mit ihr in
Berührung kommen, werden geheilt, sie beherrscht plötzlich mehrere Fremdsprachen.
Diese unglaublichen Begebenheiten stellen das Leben in der Kleinstadt auf den Kopf. Der Zusammenhang zwischen der Lehrerin und dem Massenselbstmord von Fischen, der plötzlichen Genesung von Schwerkranken, und dem Ausbruch der seit Jahren herbeigesehnten, jedoch bis dato nicht gefundenen Heilquelle wird von einem Chefarzt, der auch Stadtrat ist, erkannt.
Der Arzt weiht den Bürgermeister in das Geheimnis ein. Nun haben sie Großes vor.
Ein internationales Kurzentrum wird errichtet. Um ihre Pläne zu verwirklichen, zwingen sie Anna, mit Hilfe von raffinierten Manipulationen mitzumachen.
Aufgrund der Wundertaten der Lehrerin, kommt der Heiltourismus ins Rollen, der der Stadt einen wahren Goldregen bescheren soll. Den Verantwortlichen gelingt es, das Wirken der Lehrerin vor der Öffentlichkeit weitgehend geheimzuhalten. Nur die zahlungskräftige Patienten sollen mit Anna in Berührung kommen.
In die Stadt strömen Touristen aus aller Herren Länder.
Im neuen Kurzentrum können Blinde wieder sehen, Gelähmte wieder gehen, Hautkrankheiten verschwinden, und all das schreibt man offiziell der neu entdeckten Wunderquelle zu.
Die Lehrerin, die auf Betreiben des Arztes hin pensioniert wird, arbeitet jetzt als Aushilfe im Kurzentrum, bis ihr eines Tages von ihrem unmittelbaren Vorgesetzten, der nichts über ihre Fähigkeiten weiß, wegen lautem Singen in einer fremden Sprache, das die ausländischen Patienten möglicherweise stört, fristlos gekündigt wird.
Nachdem Anna einige Tage nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz erscheint, droht der Stadt ein Riesenskandal. Scharenweise beschweren sich die Patienten über das plötzliche Ausbleiben der versprochenen Wunder.... Als rettende Maßnahme wird daraufhin Anna’s Vorgesetztem gekündigt, es soll alles wieder so sein wie früher.

Anna ist es bewußt, daß sie ausgenutzt wird, doch möchte sie aus ihrer Lage kein Kapital schlagen. Sie befürchtet, daß ihr Leben zum Selbstzweck werden könnte, wenn sie nicht mehr benötigt, von niemandem vermißt wird. Seit dem Tod ihres Mannes lebt Anna in selbst auferlegter Keuschheit. Nun ist sie auch schon in einem Alter, in dem sie keine „Frau“ mehr ist. Und jetzt hat sie auch keine Arbeit mehr!
Ihr Eifer Gutes zu tun, ist der Drang nach Selbstbestätigung, hilft ihr aber auch, ihre Todesangst zu verdrängen.

Gegen Ende des Romans verschwindet die Lehrerin auf geheimnisvolle Weise. Ihr geringfügiges Vermögen wird von der Stadt enteignet und der geldgierige Arzt erhält davon seine Provision.
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Die Geschichte des irrtümlich zugeteilten Heiligenschein, sowie das Tun und Lassen der irdischen Personen wird dem Leser in Form eines himmlischen Protokolls in elf Kapiteln („Belege“) erzählt. Die feine Ironie kennzeichnet den Stil der jungen Autorin.
Mit „Irren ist göttlich“ hält Agota Bozai nicht nur der heutigen neu-kapitalistischen Gesellschaft Ungarns einen Hohlspiegel vor.

Sie sagt: „Mein weiblicher Messias ist eine sechzigjährige Lehrerin, denn bei uns kann es sich heutzutage nur die minder bemittelte Schicht von öffentlich Beschäftigten es sich leisten, sich um die Sorgen anderer zu kümmern. Auf Grund
seiner, im Handeln eingeschränkter weiblichen Rolle, kann dieser Messias keine „großen“ Probleme lösen, sein Wirkungsgrad ist entsprechend begrenzt.
Zum Schreiben des Romans wurde ich vom Leben selbst inspiriert. In der Kleinstadt am Plattensee, wo ich lebe, spielt das Geld bei 99 Prozent der Leute die einzige Rolle in ihrem Leben. Für gutes Geld würden die meisten von Ihnen sogar ihre Ehefrauen an ein Bordell verkaufen. Für einen kleinen Profit sind sie zu allen kleineren und größeren Gaunereien bereit.“





Kritiken / Reviews:

Baltimore Sun (US)
Chicago Tribune (US)
Christian Science Monitor (US)
Frankfurter Allgemeine Zeitung (DE)
freundin (DE)
Hamburger Abendblatt (DE)
Ingram (US)
Kirkus (US)
Neue Zürcher Zeitung (CH)
Washington Post (US)
Wilhelmshavener Zeitung (DE)


<-- Ágota Bozai