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HU 2002 DE 2006
Drága Liv Geliebte Liv



Iván Sándor, Drága Liv (Geliebte Liv)

Roman, 334 S. (Ungarn, 2002)
Exposé


„Wo bist du? Treibst dich etwa mit Frauen um? Ich komme Morgen mit der Mittagsmaschine an... Soviel war auf dem Anrufbeantworter. Sie sagte nicht, woher sie ankommen wird. Vielleicht aus Paris, vielleicht aus Salzburg, womöglich aus Algier. Liv's Stimme klang als wäre sie hier bei mir. Auch ihren Körper konnte ich in ihrer Stimme spüren. So wie damals, vor dreißig Jahren, als wir uns zum ersten Mal im dunklen, leeren Zuschauerraum des Theatre Montparnasse begegneten waren." Das denkt Zoltán in Budapest Ende der neunziger Jahre, als er die Stimme von Liv auf seinem Anrufbeantworter hört.

Vor dreißig Jahren:
Als Mitglied einer budapester Theatergruppe reist Zoltán nach Paris. Sein Vater war vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges namhafter Theaterintendant und Regisseur. Bei der Expansion der Nazis wurde er politisch unmöglich gemacht, so, dass er sich in seiner aussichtslosen Lage das Leben nahm.
Darauf bezieht sich Zoltán, als er den Wunsch äußert, an den Proben von Grotowski teilzunehmen. Grotowski ist ein berühmter polnischer Regisseur, der gerade in Paris gastiert. Dank der Empfehlung ihrer Mutter, einer bekannten französischen Bühnenbildnerin nimmt auch Liv an diesen Proben teil. Sie hat große Ambitionen, Schauspielerin zu werden. Ihre Mutter wurde 1944 von Ungarn ins Konzentrationslager Mauthausen deportiert. Als Überlebende des Holocaust kam sie nach Paris.

Gábor, der junge Ingenieur ist der Freund von Liv. Wegen seiner Aktivitäten beim ungarischen Aufstand 1956 emigrierte er nach Frankreich.
Liv, Zoltán und Gábor schlendern zu dritt durch das Quartier Latin. Zwischen Zoltán und Liv wächst die gegenseitige Zuneigung. Durch Gábor und Zoltán versucht Liv über ihre eigene bzw. der Vergangenheit ihrer Familie Klarheit zu erlangen. Von ihrer Mutter kann sie nichts erfahren, denn sie ist traumatisiert und hüllt sich in Schweigen.
Als quasi erotische Provokation übergibt Liv Zoltán das Tagebuch des „Rivalen“ Gábor, in dem dieser die Geschehnisse des 56-er Aufstandes niederschreibt.
Auf der Rückreise nach Ungarn verbringt Zoltán einen Tag in Salzburg. Von dort ruft er Liv an. Die junge Frau reist ihm nach. Eine einzige Nacht können sie in Salzburg miteinander verbringen, denn das Transitvisum von Zoltán läuft ab.
An der ungarischen Grenze findet ein Zollbeamte in seinem Koffer das Tagebuch von Gábor als Schmuggelware. In den darauffolgenden Wochen versucht man ihn zu erpressen, indem er zu Spitzeldiensten aufgefordert wird. Zoltán lehnt ab, was Konsequenzen nach sich zieht. Die Ausreisegenehmigung nach dem Westen wird ihm verweigert und in die Hochschule für Darstellende Kunst wird er erst nach mehreren Versuchen aufgenommen.

Von seinem Professor, einem ehemaliger Schüler seines Vaters, erfährt Zoltán, wie die faschistischen Rivalen seinen Vater in den Selbstmord getrieben hatten. Auch über die Rolle Ungarns im Zweiten Weltkrieg als Verbündeter Nazi-Deutschlands wird ihm nun einiges klar.

Da Zoltán nicht zu Liv reisen kann, pendelt sie zwischen Paris und Budapest.
Beide kämpfen mit den Ungereimtheiten ihrer eigenen und der Vergangenheit ihrer Familien. Genau so wie Gábor ,der Liv in seinen Briefen regelmäßig darüber erzählt. Er arbeitet als Ingenieur in Algier. Hier kämpft er nicht nur gegen die eigene Einsamkeit an, sondern auch gegen das Gefühl des heimatlosen Europäers. Gábor kommt in Algier bei einer Bombenexplosion ums Leben.

Obwohl Liv immer mehr Zeit in Budapest verbringt, wird es offensichtlich, dass ihre Beziehung mit Zoltán die Zeit und die Entfernung nicht überdauern kann. Ihre Wege trennen sich.
Zoltán heiratet sogar zweimal, während auch Liv verschiedene Bindungen eingeht. Zoltán wird in Budapest zur bekannten Persönlichkeit der Kulturszene und kommt somit nach längerer Zeit erneut in den Genuss einer Ausreisegenehmigung.

Erneut Paris. Erneut zusammen. Liv möchte mit ihrer Mutter zu einem Gedächtniskonzert nach Mauthausen reisen. Da ihre Mutter dies nicht über sich bringt, bittet sie Zoltán, mitzukommen. Die Historie, die mit ihrem Kontext in Vergangenheit, Gegenwart und Erinnerung beide Lebenswege ständig beeinflusst, verdichtet sich zu einem einzigen Faden.
Als Angestellte einer französisch-ungarischen Firma reist Liv zwischen Paris und Budapest hin und her. Zusammenleben können sie nicht, Schlußmachen wollen sie nicht. Mit diesem anhaltenden dramatisch-lyrischen aufeinander Angewiesensein schließt der Roman.

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Im Zusammenspiel von Vergangenheit und Gegenwart geht es in diesem Roman um Vernichtung bzw. Selbstvernichtung, um den Verlust von kulturellen Identität und der eigenen Persönlichkeit.

Iván Sándor:
„Ja, das ist eine Liebesgeschichte...aber wäre sie nur das, - hätte ich sie nicht geschrieben“.





Kritiken / Reviews:

Die Zeit (DE)
Märkische Allgemeine (DE)
Neue Presse (AT)
Ostseezeitung (DE)
Rheinische Post (DE)
Schwäbische Zeitung (DE)
Stuttgarter Nachrichten (DE)
Westfälische Nachrichten (DE)





Weitere Werke dieses Autors:

Követés (Spurensuche, eine Nachforschung)
Arabeszk (Arabesque)
Az Argoliszi-öböl (Arbeitstitel: Der Argolische Golf)
Az éjszaka mélyén (Husar in der Hölle)


<-- Iván Sándor