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HU 2002 DE 2007 IT 2009
Voltomiglán Nichtvordemkind! Non davanti ai bambini



András Nyerges: Voltomiglan (Nichtvordemkind!)

Roman, 152 S. (Ungarn, 2002)
Exposé


Ort des Geschehens ist Budapest, während und kurz nach dem Ende des 2.Weltkrieges. Der Held des Romans ist der fünfjährige Andriska.
Die Geschehnisse und die rätselhafte Welt der Erwachsenen betrachtet und kommentiert er aus seiner „Untersicht“. Sein Weltbild von den Erwachsenen wird hauptsächlich durch seine Großmutter geprägt.

Die allgegenwärtige Spannung entsteht dadurch, dass die Herkunft der Familie mütterlicherseits jüdisch, dagegen auf väterlicher Seite katholisch ist. Insbesondere Oma Iren ist eine blindwütige, antisemitische Katholikin. Das Kind fürchtet die zur Gewalt neigende Großmutter und flieht immer wieder zu seinen Eltern. Andriska versteht nicht, welche tiefverwurzelte Vorurteile seine Großmutter bewegen, warum sie seine andere Großeltern hasst. Sie kann ihrem Sohn nicht verzeihen, dass er eine Jüdin geheiratet hat. So wirft sie ihm nach der Beerdigung des anderen Großvaters - einem allseits gewürdigten Wissenschaftler - nur hin: „Hat man den alten Juden verscharrt?”

Der andauernde Familienkrach schädigt die Seele des Kindes nachhaltig. Die Streitereien seines ansonsten gut gelaunten, aufgeweckten Vaters mit dessen eigener Mutter - um Andriskas Mutter zu verteidigen - verstören und paralysieren das Kind, das von Allen geliebt werden möchte.

Der Autor überreicht dem Leser eine wahre Enzyklopädie der dunkelsten Ära des 2. Weltkrieges. Dabei prägt sich der Bub für die spätere Erinnerung Details ein, die auf den ersten Blick belanglos erscheinen, für Andriska jedoch Erschütterungen bedeuten, so auch die erste Bombardierung der Stadt, bei der das furchtbarste ist, dass die versprochene Salzstange ausbleibt.
Während oben auf der Strasse der Krieg tobt, tollen die Kinder im Luftschutzkeller herum. Sobald sich die Lage draußen ein wenig beruhigt, machen sich die Männer, auf den Weg, etwas Essbares zu ergattern.

Nachdem die Deutschen aus Budapest vertrieben wurden, übernehmen in der Stadt die Russen das Kommando. Nun müssen sich auch die Eltern von Andriska mit den Russen beziehungsweise mit dem von ihnen eingerichteten neuen Regime arrangieren. Es herrscht allgemeiner Mangel an allem. Wie viele Familien, muß auch die Familie von Andriska ihre Wertsachen gegen Lebensmittel eintauschen. So bekommen kleinste, alltäglichste Dinge verhängnisvolle Bedeutung, indes nehmen unaufhaltsam das öffentliche Leben wie auch das private Leben ihren Lauf.

Bornierte Staatsideologien, hochtönende Parolen, Befehle durchweben den Alltag der Menschen, vergiften ihre gegenseitigen Beziehungen.

Mitten in der schonungslosen familiären Selbstprüfung rührt der Autor an einem der neuralgischsten geschichtlichen Traumata, dem Antisemitismus. Die blindwütige Oma möchte ihre Schwiegertochter am liebsten im Ghetto sehen. Neben dem tief sitzenden, zur Gewohnheit gewordenen Judenhass, zeigt sie auch eine Portion natürliche mütterliche Fürsorge. So wirkt die Figur der Grossmutter auch nicht hundertprozentig negativ – wie im richtigen Leben...

Gegen Ende des Romans hält der Autor eine überraschende Schlußpointe parat: Es stellt sich heraus, dass die beiden Abstammungslinien der Familie sogar austauschbar sind, denn die angeblich jüdischen Ahnen waren christliche Sachsen, während sich unter den Ahnen der katholischen Linie auch Juden befanden.
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Der Roman ist autobiographisch, aber auch Fiktion, denn bei Wahrung ihrer dokumentierten Herkunft hebt der Autor seine Protagonisten in die Sphäre der reinen Epik.
András Nyerges:
„Hier im Becken der Karpaten hat niemand das Recht, sich als Angehöriger einer überlegenen Rasse zu behaupten. Unsere Stammbücher sind austauschbar.





Kritiken / Reviews:

Neue Zürcher Zeitung (CH)
WUZ (IT)





Weitere Werke dieses Autors:

A barátságszédelgö (Arbeitstitel: Der Freundschaftsschwindler)


<-- András Nyerges