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HU 2001
Stan és Pan



Pál Bárdos: Stan és Pan (Arbeitstitel: "Stan und Pan")

Roman, 227 S. (Ungarn, 2001)
Exposé


Zwei Männer unterhalten sich in einem Graben viele Jahre nach dem 2. Weltkrieg, irgendwo, vielleicht in Südamerika. Wahrscheinlich sind sie Agenten des Mossad. Sie halten ein Haus unter ständiger Beobachtung und sollen melden, wenn jemand dort Licht macht. Vielleicht bedeutet das Licht, dass der gesuchte Nazischerge dort ist. Vielleicht etwas anderes.
Die beiden arbeiten seit vielen Jahren zusammen, jeder kennt die Gedanken des anderen, doch beide verspüren einen gewissen Zwang, ihre Erinnerungen immer neu zu erzählen und dabei über das Wesentliche zu schweigen.
Der eine ist einfach gestrickt. Seine Mutter wurde in Auschwitz umgebracht. Den Mörder zu töten, betrachtet er als seine Lebensaufgabe. Der wahre Grund seiner Wut - das stellt sich erst gegen Ende des Romans heraus: Er war ein uneheliches Kind. Damit kann er nicht fertig werden.
Der andere ist gebildet, aus gutbürgerlichem Haus. Für ihn ist der gesuchte Nazi nur ein schleimiger Greis aber kein Todfeind. Er will sein Auschwitz-Syndrom loswerden.
Was kann man mit einem Menschen machen? Benützen oder töten? Das geschah in den KZ’s und geschieht auch heute noch weltweit. Dementsprechend kann jeder gesuchte Nazi bloß eine unbedeutende Episode der Geschichte sein. Der klügere kann dies seinem Kameraden nicht verständlich machen. „Erwiesen ist nur, dass jemand selektiert hat, den die Häftlinge X oder Y nannten. Ein Phantom, das man nicht festnehmen kann“, und dann ist das ganze Frieren, Nasswerden im Graben umsonst. Erschwerend kommt hinzu, dass der einfachere der Beiden als Kurier einer jüdischen Organisation während der Belagerung von Budapest gefälschte Pässe an Flüchtlinge austeilen musste. Er konnte nicht alle mit Pässen versorgen. Also musste auch er selektieren. Folglich ist auch er ein Verbrecher, den man verhaften müsste. Das ist für den einfacheren zuviel. Streit kommt auf, die Beiden können sich selbst darüber nicht einigen, wer vom Proviant das Fischbrötchen und wer das Käsebrot essen soll..
Gegen Ende des Romans ist nicht einmal sicher, ob hier zwei Menschen reden, oder bloß zwei verschiedene Denkweisen sich im selben Gehirn begegnen.

Mit einer Groteske endet der Roman: Die beiden unterhalten sich über ihre früheren Namen, denn diese wurden zuerst magyarisiert, dann hebräisiert, und schließlich bekamen sie Decknamen. Und hier sagt der eine: „dein verdammter Name ist die Nummer, die in deinen Arm tätowiert ist.“ Der andere weint. Dann sagt der klügere: „Weine nicht, du hast einen schönen Namen“...Wie bei den Zirkusclowns: Der gescheitere will mit einem Unfug den Schmerz seines albernen Partners lindern. Denn im Grunde genommen hat er ihn lieb.
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Auszug aus dem Essay der angesehenen ungarischen Literaturkritikerin Ezsébet Berkes:
„Kann man Sünde daran messen, ob einer für die Tötung von drei Millionen oder für drei Menschen verantwortlich ist?
Mit keinem geringeren als dem Philosophen Hegel setzt sich Stan auseinander, denn der hatte in der Beziehung zwischen Teil und Ganzes den Teil dem Ganzen untergeordnet. Im Leben heißt das: Es ist vernünftig, die Minderheit für die Zwecke der Mehrheit zu opfern. Folge dessen kann aus jeder beliebigen Gruppe Opfer werden. Jetzt sind die Juden daran, danach kommen andere Nationalitäten, Rassen, Hautfarben, Anders denkenden, usw. „Jeder kann Jude werden!“ –schreit Stan...
„Stan und Pan“ ist einer der intelligentesten ungarischen Romane der letzten Jahre. Obwohl er um abstrakten philosophischen Fragen kreist, sind seine sprachliche Mittel einfach...Die Grundlage des Romans ist zwar die Judenverfolgung, doch „Stan und Pan“ bleibt nicht in diesem Kreis haften. Bárdos hat universelleres zu sagen, als nur das Schicksal einer einzigen Gruppe.





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