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HU 2006 DE 2009
Artista Artista



Kriszta Bódis: Artista (Artista)

Roman, 310 S. (Ungarn, 2006)
Exposé


Die Protagonistin ist ein vierzehnjähriges Mädchen aus dem Erziehungsheim. Man nannte es nach ihrem Familiennamen nur Pickler. Als sie zwei Jahre alt war, gab ihre Mutter sie zum ersten Mal in staatliche Fürsorge, - und dann immer wieder.
Während das Kind stets hofft, dass seine Mutter es wieder zu sich nimmt, wird es von einem zum anderen Ort versetzt, wie auch ihr späterer Freund Janó und seine Schicksalsgenossen. Pickler reißt jedoch überall aus. Keine Türe, keine Wand, kein Baum, kein Mast ist für sie ein echtes Hindernis. Man munkelt, sie wäre eine Zeit lang in der Zirkussschule gewesen... Alles Mögliche wird über sie erzählt, wirklich kennt sie niemand.
ARTISTA ist vielstimmig. Die sich wechselnden, ergänzenden Kapitel setzen sich zu einer Montage zusammen, die Pickler’s tragischen Tod, bzw. dessen (mögliche) Ursachen erhellt.

Nach dem der „Salto mortale“ mit tödlichem Ausgang als Unfall deklariert wurde,
fängt die Psychologin Judit an, zu recherchieren, was mit dem Mädchen wirklich passierte. Judit ist die andere rätselhafte Figur im Roman. Sie ist das Medium. Weder ihren Charakter noch ihr Schicksal kennt man. Nur aus der Art, wie man mit ihr spricht, kann man ihren aktuellen Status, ihre Motivation, Gefühle erahnen. Die von der Psychologin Judit geführten Interviews beschreiben eine für die meisten Leser unbekannte, schier unglaubliche Welt, die es in Budapest genauso gibt wie in Berlin, London oder New York.

In den „sachlicher“ erzählten Kapiteln erfährt man, dass man beschloß, Pickler wegen ihrem Verhalten aus dem Mädcheninternat in die Erziehungsanstalt zu versetzen. Diese ist der Albtraum jedes Internatkindes, denn hier geht es viel strenger zu als in den herkömmlichen Internaten. Wer da reinkommt, wird gebrandmarkt. Pickler, die personifizierte Freiheit, will die Entscheidung nicht zur Kenntnis nehmen, sie reißt aus.
In diesen Kapiteln wird auch die Kindheit von Pickler geschildert. Egal woher die interviewten Figuren kommen, jede versucht die Schuld am Tod des Mädchens auf andere abzuwälzen, wobei sie sich meist selbst enttarnen und lächerlich machen.

Ins Übergangsheim wird Pickler von „Onkel“ Dénes begleitet. „Onkel“ Dénes, ein verpfuschter Künstler, ist Erzieher geworden. Er kehrt überall den großzügigen, gerechten Helfer heraus. Er kennt Pickler gut, ahnt dass das Mädchen erneut ausreissen wird und schnappt es tags darauf. Pickler darf die Nacht bei ihm

verbringen. Sie endet im Beischlaf. Pickler ist noch ein Mädchen, und so nimmt es die sexuelle Gewalt mit frühreifer Gleichgültigkeit zur Kenntnis. Am Morgen verlässt es „Onkel“ Dénes.

Aus dem Interview, das Judit mit Picklers obdachlosem, versoffenen Vater führt, wird der familiäre Hintergrund beleuchtet. Geschildert werden die erbärmlichen Umstände der Geburt, die Neurosen der Mutter, ihr Ausgeliefertsein, und Alkoholismus. Nach ihrer Scheidung wird Picklers Mutter in gewalttätigen Beziehungen förmlich aufgerieben. Dabei ist die Tochter meistens sowohl Zeugin als auch Opfer. Vergebens versucht sie ihre Mutter zu retten.

Die Figuren des Romans sind gleichermaßen liebenswürdig und bedauernswert. Judit möchte nicht urteilen, doch mangels Anhaltspunkten hat sie die Geschichte (auch ihre eigene) nicht mehr im Griff. Die Monologe der Protagonisten erdrücken sie förmlich.
Zwischenzeitlich stellt sich heraus, dass die Herumtreiberei für Pickler nicht bloß Abenteuer ist, sondern sowohl Drang nach Freiheit als auch Stationen des Erwachsenwerdens. Dies gilt auch für die Zeit, die sie bei den archaisch lebenden Roma verbringt, - wo sie auch die Reinheit der gegenseitigen Liebe erfährt.

Pickler möchte tatsächlich Akrobat werden. Ihre unheimlichen Kunststücke sind meistens metaphorisch, wie auch ihr „letzter Sprung“.
Gegen Ende des Romans schleicht sie überraschend ins Erziehungsheim zu ihren Freunden zurück. An diesem Abend trifft sie „Onkel“ Dénes. Es ist ungewiss, ob die Szene zwischen den Beiden es direkt bewirkt, dass Pickler auf den Hochspannungsmast hinaufklettert, und dort einem Stromschlag zum Opfer fällt.

Das Motto des Romans wurde Wirklichkeit:
„Was machst du?
Ich versuche zu fliegen.
Du meinst, die Menschen können fliegen?
Die Menschen nicht. Ich schon.“

Kritikauszüge:

Bezüglich der Sprache, die Kriszta Bódis im „Artista“ benützt, ist es unerlässlich, die Betrachtungsweise einer Filmemacherin zu erwähnen... Wie ihr großes Vorbild, Woody Allen, so flaniert auch sie mühelos mit intellektueller Großzügigkeit in verschiedenen Stilrichtungen.
(Péter Rácz in Litera)

Pickler und ihre Gefährten leben unter uns. Sie sind genau so Teil der Realität, wie wir alle. Kriszta Bódis’ Roman zeigt ihre Welt mit frappierender sozialen Sensibilität und schonungsloser Offenheit.
(Dóra Szücs in Romapage)





Kritiken / Reviews:

connecting culture austria (AT)
Der Standard (AT)
Élet és Irodalom (HU)
Frankfurter Allgemeine Zeitung (DE)
Index (HU)
Magyar Narancs (HU)
Magyar Nemzet (HU)





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Kemény vaj (Arbeitstitel: Harte Butter)


<-- Kriszta Bódis