S. Back - agentur für ungarische literatur - agency for hungarian literature

 
 
HU 1996 DE 1999 FR 2001
Diogenész kertje Der Garten des Diogenes Le jardin de Diogène



Róbert Hász: Diogenész kertje (Der Garten des Diogenes)

Roman, 218 S. (Ungarn, 1996)
Exposé


Inhalt:

Der Ich-Erzähler muß mit seiner jungen Frau und Tochter seine vom Bürgerkrieg zerrissene Heimat verlassen. Sie ziehen nicht in ein gänzlich fremdes Land - spricht man im Nachbarland doch seine Muttersprache, aber das Gefühl der Wurzellosigkeit, der Eindruck, nirgends dazuzugehören, schafft bald eine beklemmende Atmosphäre um den Helden. Er findet keine Arbeit, die Familie lebt in einer winzigen Wohnung zur Untermiete, sie bezieht Sozialhilfe. Der Ich-Erzähler schreibt hin und wieder für eine lokale Zeitung und nimmt Gelegenheitsjobs an. Das Geld reicht gerade noch für die Miete.
Als Jahre vergehen, und die Perspektivlosigkeit seines Lebens immer mehr zur Gewißheit wird, erstarrt diese Atmosphäre um ihn wie zu einer festen Hülle. Als hätte sich die Welt von ihm abgewandt. Er flieht in die Welt der Bücher, schreibt Novellen, doch nur für sich, vertieft sich in die Philosophie und in die Geschichte. Als warte er auf ein Wunder oder auf eine Art Erlösung. Seine Beziehung zur Welt besteht aus Verachtung und Apathie. Indes bekommt das Ehepaar Nachwuchs. Die Tochter wird aber mit einer schweren Herzkrankheit geboren.

Als seine Frau ein Stipendium an der örtlichen Universität erhält, scheint die Isolierung der Familie doch aufzubrechen; als würde sich die Welt dem Helden aus freien Stücken öffnen. Zwei merkwürdige Gestalten tauchen auf; sie versuchen, jede nach ihrer Vorstellung, den Ich-Erzähler aus seiner Lethargie zu reißen. Eine von ihnen ist Zeno, Professor und intellektueller Sonderling. Er nimmt den Helden in Kaffeehäuser und zu den Parties von Intellektuellen mit. Wie in einem Wachsfigurenkabinett werden ihm die typischen Figuren der Provinzstadt vorgeführt: Da ist der überhebliche Zeitungsredakteur, der schwule Dekan der philologischen Fakultät, der zwielichtige Versicherungsagent, der Zeuge Jehovas und Simon, der Mathematiker, der seine eigene „vertikale Rassenlehre“ aufstellt.
Der Held bewegt sich inmitten dieser Gestalten wie ein Nachtwandler, ein neuzeitlicher Hans Castorp, der soeben vom Zauberberg heruntergestiegen ist, der, wenn es ginge, am liebsten in jene aussichtslose, aber friedliche Trägheit zurückkehren würde, aus der man ihn soeben gerissen hat.

Die Arbeit, die Zeno dem Ich-Erzähler besorgt, ist Textverarbeitung mit dem Computer. Dabei handelt es sich um die übersetzten Briefe von einem gewissen Samuel Kramer, eines holländischen Wanderstudenten aus dem 17. Jahrhundert. Beim Lesen dieser Briefe entdeckt der Held immer öfter Ähnlichkeiten zwischen seinem Schicksal und dem des Wanderstudenten. Als würden die beiden Lebenswege zeitlich parallel verlaufen, um in der Zukunft aufeinander zu treffen...

Eine skurrile Gestalt tritt n das Leben des Ich-Erzählers, der obdachlose Diogenes. Er lebt mit seinen beiden Gefährten auf einem Schrottplatz. Bereits bei der ersten Begegnung spürt der Held das Rätselhafte, die diese drei Menschen umgibt. Wie sich herausstellt, ist Diogenes entgegen dem ersten Anschein ausgesprochen gebildet. Der Held verbringt manchmal eine ganze Nacht mit den dreien und ist von Diogenes’ seltsamen Geschichten zunehmend fasziniert. Immer mehr erahnt er die Zusammenhänge zwischen den fernen, sagenumwobenen Zeiten und den Ereignissen der Gegenwart. Dabei erscheint ihm die Welt, von der Diogenes erzählt, wie ein Gegenbild der realen Welt, wie ein verschwommenes, ungewisses Versprechen von einer geheimnisumwitterten und zeitlosen, geistigen Welt, wie eine Prophezeiung der „Wächter des Wissens“, die den Untergang der Zivilisationen beiwohnen und versuchen, die unvergänglichen Werte in die kommenden Epochen hinüberzuretten.
Einmal glaubt der Held diesen Geschichten, dann wieder nicht. Eigentlich möchte er Diogenes glauben, doch es gibt für ihn auch die reale, viel greifbarere Welt mit der Chance, in der Gesellschaft Fuß zu fassen.
Ist er mit Zeno und Simon zusammen, spürt er, wie diese mitten im Leben stehen und das Ziel klar vor Augen haben, es zu etwas zu bringen. Trotzdem kann er den Samstag, wenn er Diogenes wieder auf dem Schrottplatz treffen wird, kaum erwarten. Letzterer versucht den Ich-Erzähler zu überzeugen, daß es das Klügste sei sich aus der Welt zurückzuziehen, die Realität zu ignorieren und nur seinen eigenen >geistigen Garten< zu pflegen. Laut Diogenes ist unser Zeitalter, wie auch alle anderen, die ihm vorangingen, zum Untergang bestimmt, und die Vernichtungsmaschinerie bereits in Gang gesetzt.

Diogenes drängt den Helden immer mehr, er solle sich entscheiden, denn die Chance biete sich nur einmal und sie währe nicht lange. Er solle sich ihnen anschließen, denn so würde er sich von allen Übeln und Leid endgültig befreien. Um ihn zu überzeugen, öffnet Diogenes eine geheime Truhe, in der sich angeblich die Steine von Atlantis befinden und führt den Helden zu einem unterirdischen Versteck, wo Tausende von Büchern den erwarteten Untergang der Zivilisation überstehen sollen.
Der Ich-Erzähler zögert mit seiner Entscheidung, versucht den Anforderungen beider Welten gerecht zu werden, doch als ihm bewußt wird, daß er nicht mehr imstande ist, sich in der Gesellschaft einzugliedern, als seine Ehe endgültig in eine Sackgasse gerät, schließt er sich Diogenes an. Der realen Welt kehrt er den Rücken zu und wählt die Ewigkeit. Wie ein Tausch für seine Entscheidung wird seine schwerkranke Tochter wieder gesund, denn wie sagte doch Papa, der Mitstreiter von Diogenes: Wir hinterlassen nichts unerledigt...
- - - - -
Der Autor läßt im Roman Ort und Zeit der Handlung offen, dadurch läßt er der Phantasie freien Lauf. Die Grundstimmung des Romans wird von der vergeblichen Suche nach dem Sinn unseres Daseins geprägt. Leser, die das Geheimnisvolle lieben, sich für die tieferen Zusammenhängen von Geschichte und Philosophie interessieren, kommen voll auf Ihre Kosten.





Kritiken / Reviews:

Donaukurier (DE)
Hessischer Rundfunk (DE)
Hessischer Rundfunk (DE)
Le Canard (FR)
Münchner Merkur (DE)
Page Des Libraires (FR)
TV Today (DE)
Österreichischer Rundfunk (AT)





Weitere Werke dieses Autors:

A szalmakutyák szigete (Arbeitstitel: "Insel der Strohhunde")
Végvár (Für alle Ewigkeit)
A Künde (Der Herrscher der Seelen)
Júliával az út (Arbeitstitel: Der Weg mit Julia)


<-- Róbert Hász