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HU 2001 FR 2003 DE 2006 IT 2008
Végvár La Forteresse Für alle Ewigkeit La Fortezza



Róbert Hász: Végvár (Für alle Ewigkeit)

Roman, 250 S. (Ungarn, 2001)
Exposé


Der Roman spielt in der Gegenwart im Balkan.
Sein Protagonist ist Maxim Livius ein junger Ersatzoffizier, dessen Dienstszeit beim Militär sich dem Ende zuneigt. Da sein Land Auflösungserscheinungen zeigt, sind die Zeichen des Verfalls auch in der Armee nicht zu übersehen.
Kurz vor seiner Entlassung wird Livius völlig unerwartet in eine gottverlassene, bergige Grenzgarnison abkommandiert. An der felsigen Meeresküste steht diese mittelalterlich anmutenden Festung, umgeben von Bergen mit stets grauen Regenwolken.
Nach Ankunft spürt Livius zunächst Wut und Verbitterung, da seine langersehnte Entlassung in weite Ferne gerückt ist. Gleichzeitig macht er merkwürdige Beobachtungen. In dieser Garnison scheint nichts so, wie es sein sollte, nichts läuft so ab, wie sonst in der Armee. Die Verpflegung besteht aus Delikatessen, die Dienstvorschriften werden größtenteils ignoriert, innerhalb der Festung dürfen die Soldaten keine Waffen tragen, alle sind unrasiert, schlampig angezogen und irgendwie scheinen alle fortwährend zu schlafen. Verblüfft stellt Livius fest, dass die Festung mit ihrer Belegschaft von der Außenwelt total abgeschnitten ist. Es gibt keinen Fernseher, kein Radio, keine Zeitungen, nicht einmal Funkkontakt mit der Basis. Doch all das scheint hier niemanden sonderlich zu stören. Die Soldaten interessieren sich für das Geschehen in der Außenwelt überhaupt nicht. Man lebt ein bequemes Leben wie in einer Traumwelt. Jeder ist mit seiner eigenen Vergangenheit beschäftigt, indem er sie immer wieder aufs neue erlebt, als sei er auf einer Zeitreise.
Anfänglich belächelt Livius das Ganze, doch bald klopfen auch bei ihm die Erinnerungen an. Er erlebt die Jahre vor seinem Einrücken, Szenen aus seiner Kindheit blitzen auf. Parallel mit dem Geschehen in der Festung entfaltet sich eine weitere Erzählebene, die Familien- und Liebesgeschichte des Helden. Mit einer Szene im Garten erwacht für Livius die Vergangenheit. Alle sind da, die damals für ihn wichtig waren. In diesen Garten kehrt er gedanklich immer wieder zurück, von hier aus laufen die Pfade der Erinnerung in alle Richtungen, um am Ende des Romans hierher zurückzukehren. Gegenwärtiges und vergangenes greifen ineinander, selbst der Held merkt manchmal nicht, wann die eine Welt in die andere übergeht. Dabei geht es nicht um bloßes Erinnern sondern um einen stetigen Wechsel gleichberechtigter Realitäten.
Beim Aufleben der Vergangenheit erscheint Livius regelmäßig auch die Figur des ehemaligen Marschalls. Sowohl dessen Beerdigung taucht auf, als auch Mutmaßungen über den Verbleib des Leichnams. Auch die damalige Fernsehübertragung brachte keine Klarheit darüber.
In der Festung kann niemand so recht einen Reim darauf machen, was mit den Soldaten geschieht. Manche vermuten göttliche Wunder, andere meinen, Außerirdische würden Experimente durchführen. Der besessene Oberst will sogar Machenschaften des gegnerischen Nachbarlandes dafür verantwortlich wissen. Er

ist sich sicher, dass der Feind sie mit Nervengas attackiert, daher die Halluzinationen. Obwohl es höchst ungewiss ist, ob jenseits der Grenze sich überhaupt jemand befindet, lässt der Oberst einen Tunnel durch den Berg bauen, um den Feind anzugreifen. Der Tunnel bricht zusammen, unter den Soldaten entsteht Panik und der Oberst wird erschossen.
Derweil findet Livius immer wieder kleine Zettel mit Botschaften, als wollte ihm jemand etwas mitteilen. Jetzt ahnt er, dass es in der Festung jemanden gibt, der mehr weiß als die anderen, der die Fäden in seiner Hand hält und möglicherweise daran ist, ihm etwas zu verraten. Anhand einer solchen Nachricht findet er heraus, dass der einzige, der über alles Bescheid weiß, nur der Lagerwart Sljoka sein kann.
Dieser erzählt ihm dann über seine Mission. Als man im Mausoleum der Hauptstadt merkte, dass die Leiche des Marschalls auch dort die Vergangenheit am Leben hielt, setzte man sie heimlich in dieser abgelegenen Festung bei. Mit der Bewachung wurde der Lagerwart beauftragt. Sljoka weiß alles über die Festung, kennt alle Geheimtüren, versteckten Kühlkammern, in denen eine Unmenge an Lebensmittel gehortet ist.
Er bietet Livius an, den Leichnam des Marschalls, der in einem gläsernen Sarg in der Wand der Festung versteckt ist, von nun an gemeinsam zu hüten. Livius steht vor der Wahl. Nimmt er das Angebot an, so sucht er für immer Zuflucht in diesem unwirklichen Ort, schlägt er das Angebot aus, muss er in das zerfallene Land, in die chaotische, kriegerische Außenwelt zurückkehren.
Als Livius auch seinen beiden Freunden, Pungarnik und Blinka anbietet, sie in die Rätsels Lösung einzuweihen, verzichten die beiden darauf. Der Oberst sei inzwischen tot, alsbald werde in die Garnison die Ruhe wieder einkehren, man sei hier bestens versorgt und könne so schön vor sich hinträumen. Warum sollten sie in die unsichere, bedrohliche Welt hinausgehen? Livius aber lehnt diese illusorische Ruhe, die Isolierung von der realen Welt ab, und auch die immer wiederkehrende Vergangenheit, die der tote Marschall den Soldaten beschert, interessieren ihn nicht.
Die Geschehnisse der beiden unterschiedlichen Zeitebenen finden im Roman einen gleichzeitigen Schluss: Im Garten zerfällt das trügerische Familienidyll und das Geheimnis der Festung wird enthüllt.
Auf der letzten Seite flieht Livius aus der Festung und während er an der steilen Felsenwand gen Meeresbucht hinuntersteigt, lässt er Lösungsalternativen offen:
Kündigt die letzte Szene eine neue Illusion, womöglich einer Art logische Fortführung der „reellen“ Vergangenheit an, oder folgt hier eine Vision der Erfüllung des letzten Wunsches vor dem Tod?



Robert Hász: „Mann kann sich seiner Vergangenheit und dem Zug der Geschichte nicht entziehen...höchstens zeitweilig, denn das Schicksal und die Zukunft holen jeden früher oder später ein“





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