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HU 1993
Levélária



Judit Fenákel: Levélária (Arbeitstitel "Sie liebten die Oper")

Roman, 151 S. (Ungarn, 1993) - wurde 1994 auch als Hörspiel produziert.
Exposé


Sie liebten die Oper erzählt eine Liebesgeschichte aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Im Zentrum der Handlung steht das Liebesverhältnis von Anna Groszman und Kálmán Turián. Das Buch ist in drei Kapitel unterteilt: Vorher, Währenddessen und Nachher.
VORHER
Szenen aus der Mädchenzeit der Protagonistin Anna: sie ist ein sorgloses Mädchen, Tochter einer jüdischen Rechtsanwaltsfamilie, sie lebt in einer heilen Welt.
WÄHRENDDESSEN
Kurz nach Ende des 2.Weltkrieges trifft Anna nach neun Jahren eines Tage in der Oper Madame Butterfly zufällig Kálmán Turián wieder, in den sie als junges Mädchen verliebt war. Damals nahm er sie überhaupt nicht ernst, sie war eines der vielen jungen Mädchen, die ihn anhimmelten. Annas Eltern hingegen sahen es als große Ehre an, dass er, der Arier und Sohn eines Richters, sich überhaupt mit einem jüdischen Mädchen in der Öffentlichkeit zeigte.
Inzwischen war Krieg, Annas Eltern sind im Konzentrationslager umgekommen, ihr erster Mann ist gefallen. Im neuen Arbeiter- und Bauernstaat Ungarn sind sie beide missliebig: er als Sohn eines Richters, sie als Tochter eines Anwalts, also bürgerlicher Ansichten verdächtig.
Zum zweiten Treffen bei der Oper Rigoletto bringt Turián Anna einen Brief mit, er hat ein schlechtes Gewissen, weil er damals so unwissend, sorglos und weltfremd war, und redet sich ein, er hätte etwas ändern können, wenn er sie geheiratet hätte. Anna freut sich, einen Bekannten von früher wiedergetroffen zu haben. Aber es missfällt ihrer Eitelkeit zu hören, dass sie für ihn damals einfach nur eines von vielen kleinen dummen Gänschen war, außerdem ist sie auch von ihren Erfahrungen der vergangenen Zeit geprägt: sie ist mürrisch, widerborstig und findet an allem etwas auszusetzen.
Das nächste Treffen ist bei Carmen. Turián versucht, sich außerhalb der Oper mit ihr zu treffen, sie ist der Sache nicht abgeneigt, zumal sie mit ihrem Mann, einem hundertfünfzigprozentigen Kommunisten, der nur von der Partei Gnaden im Chefsessel sitzt, nicht viel verbindet. Ihre Tochter Éva stammt aus erster Ehe, die sie damals als Trotzreaktion auf Turiáns Desinteresse eilig geschlossen hat.

Anna und Turián treffen sich wenige Male, und schon wird Anna wegen ihrer außerehelichen Männerbekanntschaft vor die Parteileitung zitiert, ihr wird eine bürgerliche Moral vorgeworfen. Auch Turián befürchtet, er und seine Eltern könnten deportiert werden. Er schreibt Anna über seine Erlebnisse in der Kriegsgefangenschaft. Jetzt lässt sie sich auf den Briefwechsel ein. Turián passt sie ab, erklärt ihr seine Liebe, sie kommen sich näher, heimlich unternehmen sie einen gemeinsamen Ausflug in die Oper nach Budapest.
Nach Don Juan können sie nirgends zusammen übernachten, alles ist viel zu gut überwacht und kontrolliert in diesem sozialistischen Leben.
Zwischendurch sieht man immer wieder Annas Rückblenden in vergangene Zeiten. Ihr Ehemann, Péter ist durch anzügliche Schlager und Volkslieder charakterisiert. Alle leiden unter der Situation: Anna ist angespannt, ihre Familie erlebt sie als nervös und grantig, Turián möchte, dass sie ihren Mann verlässt. Das tut sie nicht, und den Ausschlag dafür gibt die Tochter, die plötzlich anfängt, den Mann „Papa“ zu nennen.
Opernbesuch Eugen Onegin: Anna kann sich nicht überwinden, ihrer Tochter das endlich gefundene Vertrauen zu zerstören und bricht mit Turián. Am selben Tag wird ihr wegen „klassenfeindlichen“ Verhaltens gekündigt.
NACHHER
Anna wird immer verschlossener, härter, vor allem zu ihrem Mann Péter, den sie einerseits verachtet, vor allem dafür, dass er die kommunistischen Auszeichnungen und Anerkennungen für bare Münze nimmt, dem sie sich aber auch verweigert, was ihn zur Verzweiflung treibt und seinen Minderwertigkeitskomplex bedient.
Als sein Karrierestern wieder zu sinken beginnt, weil auch die Kommunisten langsam darauf kommen, dass die wichtigste Qualifikation auf Schlüsselpositionen nicht die Abstammung aus der Arbeiterklasse ist, sondern das Fachwissen, als er also auf immer unwichtigere Stellen versetzt wird, gleitet Péter immer weiter in Suff und Selbstmitleid ab. Er sieht sich als Opfer des Großbürgertums und der Juden, die ihn ja immer für einen Proleten gehalten hätten. Péter wird Selbstmord begehen, wobei nicht ganz klar ist, ob er nicht nur betrunken erfriert, was aber nicht offiziell zugegeben werden darf, weil das nicht ins sozialistische Menschenbild passt.
Éva blickt als Erwachsene in ihrem Tagebuch zurück auf diese Zeit. Seit sie ins Gymnasium geht, nimmt ihre Mutter sie mit in die Oper. Dabei treffen sie einmal Turián, und Éva wird klar, dass ihr hier der Mann gegenübersteht, dessentwegen ihre Mutter so geworden ist, wie sie sie kennt und - nicht mag. Aber die Frage nach dem Warum stellt Éva nicht: als sie sie aussprechen will, wird ihr klar, dass sie selbst der Grund ist.

Auch Kálmáns Leben läuft nach seinem Bruch mit Anna auf Sparflamme weiter: Er zieht nach Budapest, wo er Arbeit findet. Er heiratet wieder, die Ehe ist unglücklich, er wird krank. Er hat einen Sohn, mit dem er erst redet, als dieser erwachsen ist, wobei ihm klar wird, dass dieser Sohn ihm völlig fremd ist, als Anna ihn zufällig wiedersieht, bricht sie ihre gerade laufende Beziehung ab und „ergibt sich dem Alter“.

Zum Schluss sitzen Anna und Kálmán auf einer Parkbank, alles liegt weit hinter ihnen, geblieben ist lediglich die Liebe zur Oper, diesmal in schlechter Qualität aus dem Transistorradio. Endlich ist Anna so weit, zuzugestehen, dass in ihrem Alter wirklich nichts dabei ist, wenn sie sich treffen, um zusammen Musik zu hören.
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Fenákel zeigt in ihrem Roman, was Diktaturen bei Menschen anrichten, sowohl bei denen, die sie auserwählen, als auch bei denen, die sie ausgrenzen. Dabei entsteht jedoch kein primitives Schwarz-Weiß-Bild, denn auch die Gesellschaftsordnung davor wird kritisch beleuchtet, die Zeit des Nationalsozialismus und Antisemitismus in Ungarn. Doch sind die Protagonisten nicht nur durch die herrschende Gesellschaftsordnung gebunden, sondern mindestens ebenso sehr durch ihre Erziehung und letztlich auch ihren Charakter, etwa wenn Anna sich so vor der Meinung der anderen fürchtet, dass sie sich gegen ihren eigentlichen Willen entscheidet, womit sie sich selbst und dadurch auch ihre Umgebung bestraft. Die Autorin zeigt, was für ein Leben aus solchen Entscheidungen erwachsen kann: Ein depressives, für alle Beteiligten eigentlich unerträgliches, an dem schwächere Charaktere (hier Annas Mann) zerbrechen können, von dem diejenigen, die sich nicht entziehen können (hier Annas Tochter) für ihr ganzes Leben geprägt werden.

Fenákel er zählt unprätentiös, sie gibt den Figuren ihren eigenen Stil, elliptische Sätze und andere Mündlichkeitsmarker lassen die Erzählung lebendig bleiben. Eine zentrale Rolle im Roman spielt die Liebe zur Oper. Der Opernbesuch ist eine der wenigen Konstanten im Leben von Anna und Turián. Wenn die Beiden in der Oper sitzen, wo sie sich zwar die Hände halten, aber nicht miteinander reden können, sprechen die Sänger in den Arien aus, was die beiden empfinden. Die Kenntnis der Opern ist nicht Voraussetzung, um das Buch zu verstehen, sie bietet allenfalls einen zusätzlichen Verständnisgewinn.
Das Buch ist ansprechend geschrieben.
Die Geschichte ist nicht zu tiefgründig und doch mit Wesentlichem befasst. Die Autorin zitiert – durchaus kritisch, aber letztlich doch als Ideal – gerade die bürgerliche Welt, die möglicherweise zum internationalen Erfolg Sándor Márais beigetragen hat.

Stimmen zum Roman:

Dem gebildeten ungarischen Leser braucht man Judit Fenákel und ihren Platz in der ungarischen Literatur nicht extra herauszustellen.
(Imre Kertész)

Judit Fenákel gehört zu den besten Schritstellerinnen. Ihren literarischen Idealen ist sie hartnäckig treu. Beim Schreiben fokusiert sie die rätselhafte Entwicklung der Charaktere ihrer Protagonisten sowie die blinde und unberechenbare Verknüpfung von Schicksalen.
(Miklós Vámos)





Kritiken / Reviews:

Abovo (HU)





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