S. Back - agentur für ungarische literatur - agency for hungarian literature

 
 
HU 2006
Mutus Liber



Zsuzsa Kapecz: Mutus Liber (Stummes Buch)

historischer Roman, 540 S. (Ungarn, 2006)
Exposé


Mutus Liber ist ein „Barock-Backstage“ Roman.
Ort/Zeit: Wiener Hofburg, im 18.Jahrhundert während der Herrschaft von Königin Maria Theresia.
Der Roman kratzt am herkömmlichen Bild der größten Ikone der Habsburg-Monarchie, Maria Theresia, denn alle Romane, Biographien über Maria Theresia folgten bisher dem selben Strickmuster: Beweihräucherung mit etwas Kritik am geschäftsmäßigen Verheiraten ihrer Töchter. In Mutus Liber wird zum ersten Mal von der Ehe zwischen Isabella von Parma und Kronprinz Joseph berichtet. Auch die lesbische Beziehung zwischen Isabella von Parma und Prinzessin Marie Christine, genannt Mimi, wird zum ersten Mal erwähnt.

Der Roman schildert das Geschehen in den drei Jahren, als Isabella und Joseph (später Kaisers Joseph II). verheiratet waren. Glückspiele, an denen sich auch die sechszehnfache Mutter, Maria Theresia beteiligte, Exzeße in denen Kaiser Franz, Gatte von Maria Theresia die Hauptrolle spielte, Geheimgesellschaften, schwarze Magie, Intrigen um die Verheiratung der königlichen Kinder, Bilderfälschung, Orgien, Alchimie, heimliche Liebesbriefe...

Geschichtlicher Hintergrund:

Der siebenjährige Krieg geht langsam zu Ende. Österreich kämpft verbissen mit Preußen unter Friedrich dem Großen. Die Schatzkammer ist leer, Hunger und Cholera wüten in der Monarchie.
Die Menschen sind enttäuscht. Preußens Sieg rückt immer näher. Die sich mit Kriegssorgen abmühende Königin setzt alles daran, ihren ältesten Sohn Joseph so bald wie möglich zu verheiraten. Männliche Nachkommen sollen das weitere Bestehen der Habsburg Dynastie sichern.

Die Protagonisten:

Überwiegender Teil sind Personen, die tatsächlich gelebt hatten. Erfunden sind nur Nicolas Roehmer, Madame Lesinsky, Perella Henselin, Aurora Lugin, Misha Lugin, Zarah Koreff.

Die Handlung:

1759:
Die für Kronprinz Joseph vorgesehene Prinzessin Marie-Luise von Neapel tauscht man auf Vorschlag von Kanzler Kaunitz durch Prinzessin Isabella von Parma, die eigentlich für Bruder Karl vorgesehen war, aus, da man der Meinung ist,

letztere paße besser zu Joseph. Die Königin verordnet ihrem Sohn mit Isabella, Briefe zu wechseln. Joseph glaubt, daß seine Zukünftige ein hysterisches Ungeheuer ist, mit dem zu tändeln reine Zeitverschwendung sei, weshalb er seinen Privatsekretär Nicolas Roehmer mit dem Briefschreiben beauftragt.
Roehmer lebt sich immer mehr in die Rolle des Verehrers ein und empfindet aufrichtige Zuneigung zur Verlobten seines Herrn.
Indes zieht Joseph mit seinem Intimfreund General Lacy umher, sie amüsieren sich und besuchen auch mal ein Bordell. In einem der vornehmeren Etablissements treffen Joseph und sein Bruder Karl unverhofft aufeinander. Die Situation ist delikat, denn die beiden Brüder mögen sich nicht. Joseph beneidet Karl wegen dessen ungezwungener Lebensführung und Beliebheit, während Karl seines oberlehrhaften, stets distanzierten Bruders überdrüssig ist.
Roehmer schreibt nicht nur Briefe im Namen seines Herrn, er lauscht, späht, notiert alles.

1760: Im Sommer reist Isabella samt Begleitung nach Wien. Joseph interessiert sich mehr für die Politik als für die Ehe. Er ist besorgt, da Friedrich der Große eine Schlacht nach der anderen gewinnt. Daher kommt Joseph das Treffen mit Isabella eher ungelegen. Als er sie jedoch trifft, ist er verblüfft, wie attraktiv und gebildet sie ist. Er verliebt sich in sie. Karl ist enttäuscht, daß man ihm seine Verlobte weggenommen hat. Trotz Josephs heftigem Werben um Isabella, liegt der Prinzessin mehr an der Beziehung zu Josephs Schwester, Marie Christine, genannt Mimi... Die beiden haben bereits ein Jahr lang Briefe ausgetauscht, eine intime Freunschaft ist zwischen ihnen entstanden.
Roehmer spioniert selbst dann noch, als Joseph sich nach seiner Hochzeit ins Schlafzimmer von Isabelle begibt....
Königin Maria Theresia und ihr Sohn Joseph sind glücklich, denn Isabella wird alsbald schwanger.
Die Königin schickt ihre Tochter, Maria Anna ins Kloster, weil sie nicht standesgemäß verheiratet werden kann. Mit Maria Anna reisen auch Mimi und Isabella mit. Vergeblich versucht Joseph seine schwangere Frau von der Reise im wackeligen Gefährt abzuhalten. Isabella hat eine Fehlgeburt, sie kommt krank zurück. Mimi pflegt sie. Die beiden Freundinnen führen ein geheimes Tagebuch. Ihre Beziehung ist bereits mehr als nur eine Freundschaft.
Karl schleicht sich in ihr Appartment. Die beiden bemerken nicht als er mit ihrem Tagebuch das Zimmer wieder verläßt. Karl wird aber von Roehmer beobachtet, der den heimlichen Briefwechsel zwischen Isabella und Mimi ermöglicht. Dabei liest Roehmer die Briefe auch. Er sieht, daß Karl mit dem entwendeten Tagebuch Isabella erpresst: er will das Tagebuch erst zurückgeben, wenn seine Schwägerin seine Geliebte wird. Er droht, das Tagebuch der Königin auszuhändigen. Isabella fürchtet die despotische Maria Theresia, vor der selbst deren Gatte Franz Angst hat.

1761: Die österreichischen Kriegsführer geraten gegenüber den Preußen immer mehr ins Hintertreffen. Kaiser Franz will sobald wie möglich mit Friedrich dem Großen Frieden schließen. Maria Theresia will jedoch nichts davon wissen. Schlesien ist für sie Herzenssache und den „preußischen Schurken“ verachtet sie.
Isabella wird endlich wieder schwanger. Karl weiß: Auch er könnte der Vater sein und hat Gewissensbisse. Pocken brechen aus. Karl ist krank. Mimi kann von ihm das kompromitierende Tagebuch nicht bekommen. Karl stirbt. Er vermacht Roehmer ein Bündel von Büchern, für die Roehmer zunächst keine Erklärung hat.

1762: Die kleine Maria Theresia, Tochter von Joseph und Isabella wird geboren.
Isabella will ihr den Namen Mimi geben, doch Joseph ist dagegen. Die Königin verlobt Mimi mit Herzog Albert von Sachsen - Teschen. Daraufhin hat Isabella erneut eine Fehlgeburt.
Roehmer macht die Bekanntschaft mit Geheimrätin Perella Henselin. Der Titel „Geheimrätin“ gebührt der Oberleiterin der königlichen Garderobe und Schatzkammer.
Im März wird bekannt, daß Isabella erneut ein Kind erwartet. Sie ist eifersüchtig auf Albert, der mit Mimi oft Briefe wechselt. Isabella leidet, da man ihr ihre einjährige Tochter wegnimmt. Auf Befehl von Maria Theresia wird das Kind abgeschirmt von der Außenwelt erzogen. Isabella kann es nur selten sehen. Sie bittet Joseph um seine Vermittlung, doch er erreicht bei seiner Mutter nichts. Isabella hat die Ehe satt, in ihrer Einsamkeit schreibt sie einen Roman und führt Tagebuch.
Roehmer wird jetzt klar, welche Art Bücher Karl ihm vermacht hat. Verbotene Werke und das berühmte Mutus Liber, das stumme Buch der Alchimisten.
Während einer Kaffeestunde von Madame Henselin begibt er sich in die Kellerräume, wo gerade schwarze Magie stattfindet. Endlich wird ihm klar, welche Verbindungen es zwischen bestimmten Mitgliedern der Hofburg gibt.
Friedrich siegt. Schlesien und Glatz werden von Preußen erobert. Die Friedensverhandlungen beginnen.

1763: Im November kommt Albert nach Wien. Großer Ball, doch Isabella darf nicht tanzen, sie ist hochschwanger. Die Pocken schlagen wieder zu. Isabella ist krank, sie hat eine Frühgeburt. Ihre zweite Tochter lebt nur einige Stunden. Alle fürchten den Pocken, nur Joseph pflegt seine Frau aufopfernd.
Da Isabella nicht zu Mimi darf, übergibt sie ihm eine Tasche, die sie für Mimi bestimmt hat. Darin befinden sich Tagebücher und Briefe. Isabella stirbt. Joseph händigt die Tasche seiner Schwester aus und bittet sie, sich zukünftig von Wien fernzuhalten.
Roehmer erwartet die Belohnung für seine Dienste. Er wird jedoch von Joseph entlassen, denn der Sekretär weiß zu viel...

Aus dem alternden Roehmer wird, fern von Wien, ein Schriftsteller. Sein Hauptwerk sind seine Erinnerungen, die er im Stile von Mutus Liber schreibt. Eines Tages wird Roehmer des Schreibens überdrüssig, er entschließt sich, sein Buch ins Feuer zu werfen. Oder hat er es sich doch anders überlegt?

Kritikausszüge:

Der sorgfältig recherchierte Roman von Zsuzsa Kapecz ist ein fesselndes Lesevergnügen
(Exit)

Mutus Liber ist ein Roman, der nahezu alles beinhaltet. Man kann ihn sogar als Krimi lesen.
(Könyvjelzö)

Auf jeder Seite bekommt man kulturgeschichtliche Raritäten, wobei auch der Alltag nicht zu kurz kommt.
(Köznevelés)

Das ist ein sehr gutes Buch, weil seine Sprache sehr schön ist....Zsuzsa Kapecz schrieb einen leicht lesbaren, liebenswürdigen Roman voller Geheimnisse, Rätsel mal mit, mal ohne Lösung...
(ùj Nautilus)





Kritiken / Reviews:

Élet es Irodalom (HU)


<-- Zsuzsa Kapecz